|
|
|
E. Badinter - Die Wahrheit über Partnergewalt L'Express vom 20.06.2005 - Übersetzt von Reinhart Stölzel Zunächst einmal ist die Methode, auf die sich die meisten Institutionen oder Vereinigungen berufen, eine verallgemeinernde: man sagt uns, die Gewalt der Männer gegen die Frauen sei universell. Beispielsweise liest man in der Broschüre von Amnesty International (2004): "Überall auf der Welt erleiden Frauen Gewalthandlungen oder -drohungen. Dieses gemeinsame Schicksal erstreckt sich über Landes-, Einkommens-, Rassen- und kulturelle Grenzen hinweg. Zu Hause wie auch in ihrem Lebensumfeld, in Zeiten des Krieges wie des Friedens werden Frauen ganz ungestraft geschlagen, vergewaltigt und verstümmelt." Diese Herangehensweise bedient sich einer Vermengung verschiedenster Arten von Gewalt .... Weiterlesen: download -----------------------------------------------------------
Die Wiederentdeckung der Gleichheit Gebundene Ausgabe
- 192 Seiten - Ullstein Hc E. Badinter ist Professorin für Philosophie und Geschichte an der polytechnischen Hochschule in Paris und Feministin der ersten Stunde.
FEMINISMUS IN FRANKREICH: „SCHIESSEN IN DIE EIGENEN
REIHEN“
von Reinhart Stölzel Weit gefehlt, wer glaubt, dies sei eine neue olympische Disziplin oder der Titel eines erst jetzt entdeckten Ausbildungshandbuchs der NVA. Vielmehr handelt es sich um die Überschrift einer Sammlung wütender und wortreicher Entgegnungen der “laizistischen, feministischen und unabhängigen“ französischen Frauenvereinigung Chiennes de garde vom Mai letzten Jahres auf den kurz zuvor in Frankreich erschienenen Essai “Fausse route“ von Elisabeth Badinter: [http://chiennesdegarde.org/article.php3?id_article=238]. „Fausse route“ wird seinerseits in einigen Wochen unter dem Titel “Die Wiederentdeckung der Gleichheit“ bei Ullstein erscheinen. Nun haben sich auch diesseits des Rheins schon manche Geschlechtsgenossinnen von Frau Badinter im „Schießen in die eigenen Reihen“ geübt, in einem selbstkritischen Überdenken feministischer Wahrheiten. Manche von Ihnen, wie Katharina Rutschky, mussten feststellen, dass dies nicht ungefährlich ist. Wobei die Pariser Vorkämpferin der Gleichstellung keineswegs ein polemisches Backlash-Manifest verfasst hat, sondern einen scharfsinnigen und kritischen Beitrag zur Situation der Geschlechter, der auch auf andere westeuropäische Gesellschaften zutrifft. Anders als in einer Vielzahl von Widerreden behauptet, geht es nicht nur um eine kritische Bilanz des Feminismus. Es geht um mehr: um altmodische Tugenden wie Ehrlichkeit und Respekt im Umgang der Geschlechter, um Täuschung und Selbsttäuschung, um den öffentlichen Umgang mit statistischen Angaben und deren Funktionalisierung, es geht um ideologischen Separatismus und Demagogie, oder einfach um den drohenden Verlust der Hoffnung, dass Frauen und Männer im 21. Jahrhundert zivilisiert miteinander umgehen werden. Leitmotiv des gut 200 Seiten starken Buchs ist die These vom “féminisme victimiste“. Darunter versteht die Autorin “die Haltung, sich in erster Linie als Opfer zu definieren.“ Nach einem kurzen Blick auf die vergangenen drei Jahrzehnte und die von der Frauenbewegung angestoßenen Veränderungen wirft die Professorin an der Pariser Ecole Polytechnique einen Seitenblick auf den Katzenjammer angesichts der immer deutlicheren neoliberalen Wirtschaftskrise nach dem Ende des Ost/West-Konflikts und kommt so auf die Entstehung einer neuen Heldenfigur zu sprechen: “... nicht mehr das kämpferische Wesen, das Berge versetzt, sondern das Opfer, das sich für unfähig erklärt, sich zu verteidigen.“ Oder mit den von ihr zitierten Worten Pascal Bruckners: “Menschliches Unglück kommt einem Auserwähltsein gleich; es adelt denjenigen, der es erleidet …. Ich leide, also bin ich (etwas wert)“. Badinter schreibt: “Der Feminismus entging dieser Entwicklung nicht. Ganz im Gegenteil, er gehörte zu deren Speerspitzen. Man interessiert sich weniger für diejenige, welche Heldentaten vollbringt, als für das Opfer männlicher Dominanz.“ Bezeichnenderweise vollzieht sich dieser Perspektivwechsel in einem Moment, in dem die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter in Westeuropa abgeschlossen scheint. Ein aufschlussreiches Kapitel widmet die Autorin der auch hierzulande um sich greifenden Methode, im Beklagen weiblicher Benachteiligung nicht mehr zu unterscheiden zwischen “objektiv und subjektiv, wichtig und unwichtig, normal und pathologisch, physisch und psychisch, bewusst und unbewusst“. Der Begriff der Gewalt (gegen Frauen) wird bis zur Unkenntlichkeit entstellt, indem er vom insistierenden Blick über die verbale Demütigung bis zur schweren Vergewaltigung mit allem befrachtet wird, das (von einer Frau) als unerwünscht empfunden wird. Das Tabuthema der weiblichen Varianten von Macht- und Gewaltausübung beherrscht den nächsten Abschnitt. Es folgen Ausführungen zu den bemerkenswerten Allianzen zwischen separatistischem Feminismus und einer puritanisch verstaubten Sexualmoral, die wir seit den siebziger Jahren überwunden zu haben glaubten. Badinter warnt eindringlich vor einer Dekonstruktion von Männlichkeit, die sich auf einen sexuellen Relativismus, eine moralische Hierarchie der Geschlechter stützt. “Das ist die Falle, die es zu vermeiden gilt, es sei denn, wir wollten dabei unsere Freiheit verlieren, den Fortschritt auf dem Weg in Richtung Gleichheit bremsen und einem neuen Separatismus frönen. Genau dieser Versuchung erliegt der dominierende Diskurs, der sich seit zehn oder fünfzehn Jahren vernehmen lässt. Ganz im Gegensatz zu dessen eigenen Hoffnungen ist es wenig wahrscheinlich, dass er die Situation der Frauen voranbringt. Zu befürchten steht eher, dass deren Beziehungen zu den Männern Schaden nehmen. Man bezeichnet dies gemeinhin als ‚sich verrennen’.“ Feministische Organisationen in Frankreich bombardieren Elisabeth Badinter seit Monaten mit Vorwürfen verschiedenster Art, wie etwa dem der Feigheit und Schäbigkeit, des Revisionismus und Negationismus. Manche fordern die Aberkennung ihres akademischen Ranges oder unterstellen ihr, sie verteidige Interessen ihres Mannes (eines bekannten Anwalts und ehemaligen Justizministers) oder ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen in der Führung eines Werbeunternehmens. Aus allen frauenbewegten Zusammenhängen scheint sie inzwischen exkommuniziert. Das immerhin wird sie verschmerzen können.(Reinhart Stölzel, inkl. übersetzte Zitate) |
Copyright © 1998 - 2010
Talisman Männerbüro Trier e.V.
|