|
|
|
Buchbesprechungen Buchtitel: Gewalt in der Familie. - Für und Wider den Platzverweis. Lambertus 2005. Helmut Kury & Joachim Obergfell-Fuchs (Hrsg.): Gewalt in der Familie Ich leite diese Buchbesprechung aus dem Thema häusliche Gewalt gegen Männer ab, dass ich seit 1999 wissenschaftlich, beratend, therapeutisch und publizistisch bearbeite. Rezensent: Helmut Wilde Das Buch weist 16 Artikel verschiedener Autoren auf. Neben Beiträgen aus verschiedenen deutschen Bundesländern, sind auch Beiträge aus Luxemburg, Österreich und den USA vorhanden. Diese sind in folgende übergeordnete Kapitel zusammengefasst: I. Gewalt in der Familie beziehungsweise Partnerschaften (2 Artikel), II. Die Diskussion in den USA – eine kritische Stellungnahme (1 Artikel), III. Der Platzverweis als mögliche Lösung (11 Artikel) und IV. Die Bedeutung von Hilfe und Beratung (2 Artikel). Für mich war das Buch insofern auch gut, um “auf den Boden der Realität“ der derzeitigen Gewaltschutzpolitik in der BRD zurück zu kehren. Der Wunsch, dass das von mir bearbeite Thema der häuslichen Gewalt gegen Männer einen größeren Stellenwert hat bzw. haben möge, verleitet dazu diesen Bereich größer einzuschätzen, als er offenbar derzeit tatsächlich bearbeitet wird. Von den o.g. 16 Kapiteln beschäftigen sich 2 Artikel mit dem Gesamtphänomen häusliche Gewalt (alle Opfer- und Tätergruppen) und 12 Artikel mit Ausschnitten häuslicher Gewalt (Männer als Täter, Frauen als Opfer), die derzeit institutionell mit Unterstützung der Regierungen bearbeitet werden. In einem Artikel wird eine der 12 Darstellungen wissenschaftlich evaluiert (1 Artikel). Die Zuordnung, wer Täter und wer Opfer ist, fällt hier nicht so eindeutig aus, wie sonst in den ausgewiesenen Zahlen. Ein weiterer Artikel fasst die Diskussion mit Freiburger Polizisten zusammen (1 Artikel). Die überwiegende Zahl der Artikel im Buch (14 von 16 ) hat denn auch die Problematik im Blickwinkel, wie sie sich in den Hellfeldzahlen (polizeiliche Kriminalstatistik) darstellt. Denen zufolge treten “Männer als Täter und Frauen als Opfer“ in Erscheinung. Die “Restkategorie“ Männer als Opfer von häuslicher Gewalt (und andere Täter- und Opfergruppen) wird in diesen Artikeln – obwohl vorhanden - keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt. Das Hellfeld erscheint so übermächtig und eindeutig, dass Mann und Frau geflissentlich über die “Restkategorie“ hinweg sehen können und ggf. auch wollen. Vielleicht fällt ihnen dies noch nicht mal auf, oder darauf angesprochen, lassen sich schnell Rechtfertigungsgründe finden, warum dies so richtig sein mag. Ganz anders stellt sich die Problematik häusliche Gewalt in den Artikeln dar, die das Gesamtphänomen häusliche Gewalt betrachten. Hier wird sowohl von anderen Zahlenverhältnissen, der Gewaltverteilung zwischen den Geschlechtern berichtet, die durch Dunkelfeldstudien, d.h. wissenschaftliche Forschungen ausgewiesen werden. Weiterhin wird aufgezeigt, dass Selektionsprozesse und andere Einflussfaktoren die Hellfeldzahlen so eindeutig werden lassen. Werden diese Effekte von den im Gewaltthema tätigen Personen berücksichtigt, dürften sich die Zahlenverhältnisse der Gewaltverteilung zwischen den Geschlechtern aus der polizeilichen Kriminalstatistik (Hellfeldzahlen) mehr an die Dunkelfeldzahlen (wissenschaftliche Forschungen) annähern. Dies schließt auch ein, Täterinnen und Männer als Opfer (sowie die anderen betroffenen Opfergruppen) zu benennen und hier zum einen genauso konsequent wie sonst üblich, zwischen männlicher und weiblicher Schreibweise zu unterscheiden und zum anderen entsprechende Präventions- und Interventionskonzepte für diese Gruppen ebenfalls, staatlich zur Verfügung zu stellen. Betrachtet man die jeweils in den Artikeln verwendete Literatur, lassen sich diese beiden Gruppen von Autoren (s.o.) wissenschaftlich sauber voneinander trennen. Die Überschneidungen sind gering oder gar nicht gegeben oder anderes formuliert, die einen verwenden wissenschaftliche Referenzen die die anderen nicht verwenden und umgekehrt. Eine wünschenswerte Begegnung dieser doch recht unterschiedlichen Befunde, findet zumindest in dieser Buchveröffentlichung noch nicht statt. Und hier liegt m.E. auch eine Chance dieses Buches. Zum einen kann sich nun anhand des vorliegenden Buches jeder sehr genau über den derzeit im Ausschnitt bearbeiteten Bereich der häuslichen Gewalt (d.h. auf die Täter- und Opfergruppe bezogen) und die daran geknüpften Maßnahmen informieren, die darüber hinaus minutiös dargestellt werden. Und zum anderen könnten sich die Experten, Polizei und Verwaltung der ihnen jeweils fremden Sichtweise ein wenig (vielleicht auch etwas mehr) annähern, um mehr Geschlechtergerechtigkeit entstehen zu lassen. Veröffentlicht in Switchboard: Wilde, Helmut (2005): Switchboard - Zeitschrift für Männer- und Jungenarbeit, Nr. 170, Juni / Juli, S. 29, ISSN: 1 433 3341. ---------------------------------------------------------------------------- Buchtitel: Barbara Drinck (2005):
Vatertheorien. Geschichte und Perspektiven. Beschützer, Ernährer,
Erzieher Eine Studie zu
traditionellen und neuen Vätern: "Vatertheorien" Rezensent: Gottfried Oy Engagiert, aufgeklärt, gespalten,
abgelehnt oder gar seiner Autorität beraubt - nahezu unübersichtlich ist die
Menge an Studien, die sich den Vätern widmen, entsprechend vielfältig sind
auch die Attribute, die ihnen zugeordnet werden. Was hingegen alle
Vatertheorien eint, ist der Bezug auf die Historie eines traditionellen
Vaters. Doch gab es diesen Pater familias, diesen uneingeschränkten
Herrscher über sein Haus, wie er der Antike zugeschrieben wird, wirklich?
Nein, meint Barbara Drinck, Privatdozentin an der Erziehungswissenschaftlichen
Fakultät der Freien Universität Berlin. In ihrer Habilitationsschrift zerpflückt
sie den Mythos vom selbstherrlichen Alleinherrscher und entzieht somit der
weit verbreiteten Ansicht von einer "Demontage" der Väter ihre
Grundlagen: Nur wer einmal mächtiges Familienoberhaupt, wer Beschützer, Ernährer
und Erzieher in Personalunion war, dem kann eine solche Funktion auch entzogen
werden. Zunächst begibt sie sich dazu auf
historische Spurensuche. Neben den Klassikern der Pädagogik liest sie vor
allem pädagogische Handbücher des 18. und 19. Jahrhunderts neu. Dort zeigt
sich, wie sich die bürgerliche Gesellschaft ihre Wurzeln vorstellt.
Idealbilder der glücklichen Familie und starre Geschlechterrollen werden
entworfen, die heute noch nachwirken. Immer wieder wird dabei verklärend der Pater
familias herbeizitiert. Während die Autorität des antiken Hausvaters
allerdings auf seiner Anwesenheit beruhte, wächst sie nun paradoxerweise
sogar noch an, je weniger sich der moderne Vater bei den Kindern aufhält -
bis hin zu der Steigerungsform, dass das Arbeitengehen und das Anhäufen von
Reichtum zum Liebesdienst an den Kindern gedeutet wird. Allerdings gilt das
nur für das Bürgertum, abwesenden Arbeitervätern wird ein rapider Autoritätsverlust
attestiert. Ein verwirrendes Bild liefern die pädagogischen
Klassiker von Jean-Jacques Rousseau über Johann Heinrich Pestalozzi bis hin
zu Friedrich Wilhelm August Fröbel, dem Begründer der frühkindlichen Pädagogik
und Erfinder der Kindergärten. Sie alle eint der Glaube an die Ziele der
Aufklärung und die Wirkung von Erziehung. Ob dem Vater allerdings neben der
Mutter eine eigenständige Rolle zugeordnet wird, ob er nun besser autoritär
oder verständnisvoll ist oder ob nicht viel besser Erziehung zur öffentlichen
Aufgabe erklärt werden soll - daran scheiden sich die Geister. Nächster historischer Einschnitt in
der Diskussion der Vaterrolle ist für Drinck die antiautoritäre Revolte 1968
und ihre Fundierung durch Marxismus und Psychoanalyse. Wenn eine
gesellschaftliche Umwälzung Erfolg haben soll, so muss sie auch an der
psychischen Konstitution des Individuums ansetzen, so lautete nicht nur die
Einschätzung der Frankfurter Schule. Angesichts der historischen Erfahrung
der Schoah radikalisierten die kritischen Theoretiker ihre Vorstellung von der
Bekämpfung autoritärer Strukturen. Eine Erziehung zur Mündigkeit war für
sie nur als gesellschaftliche Aufgabe denkbar. Die Familien und insbesondere
die Väter, die in den Nationalsozialismus verstrickt waren, gehörten
entmachtet. Eine Forderung, die in der Studierendenbewegung auf offene Ohren
traf: Der Kinderladen-Bewegung mit ihrer antiautoritären Pädagogik lag neben
einer dezidiert feministischen und antipatriarchalen Ausrichtung genau jene
Kritik an den Autoritäten, die sich selbst desavouiert hatten, zugrunde. Ganz anders hingegen die These von der vaterlosen Gesellschaft Alexander Mitscherlichs. Er ging von der anthropologischen Konstante der Erziehungsbedürftigkeit aus und räumte dem Vater eine Schlüsselfunktion in der Entwicklung zur Selbstverantwortlichkeit ein: Vaterlosigkeit bedeutet den Verlust der Erfahrung, dem Vater eines Tages entwachsen zu können, so seine Kernaussage. Die Diskussion aktueller Ansätze - mit einem breiten Exkurs zum postmodernen Feminismus - wirkt indes disparat, vielleicht so disparat, wie die verschiedenen Ansätze selbst sind. In der in den Siebzigerjahren aufkommenden Männerbewegung lassen sich zum einen "maskulinistische" Argumentationen finden, die sich an der Neuerfindung eines traditionellen Vaters üben - wenn er auch nicht als solcher benannt wird. Zum anderen ist die Männerbewegung aber auch Ausgangspunkt einer profeministischen Patriarchatskritik, die in die Forderung nach dem "neuen Vater" mündet. Sensibel, emotional, aufgeklärt und engagiert soll er sein - hier schließt sich der Kreis zu den pädagogischen Klassikern, denn schon Christian Gotthilf Salzmann, ein Philanthrop der ersten Stunde, stellte zu Beginn des 18. Jahrhunderts ähnliche Forderungen auf. Spätestens an diesem Punkt zeigt sich, dass auch die modernen Vorstellungen von Vaterschaft in den Strukturen und den Denkweisen der bürgerlichen Gesellschaft verhaftet sind, im 18. wie im 21. Jahrhundert. Veröffentlicht in der TAZ: (Quelle)
Gottfried Oy (2005): taz Magazin Nr. 7675 vom 28.5.2005, 137 Zeilen. |
Copyright © 1998 - 2011
Talisman Männerbüro Trier e.V.
|