Artikel in der Trierer Tageszeitung

Diese Artikel sind im Trierischen Volksfreund, am  07. Februar 2000

auf der Seite: „Die Seite für Sie“, erschienen.

 

Das schwache Geschlecht schlägt zu

Von wegen schwach

Männer sind wie dicke Fliegen

Gut ein Drittel sind gewalttätig

Expertenmeinung

 

von Sabine Schwadorf

 

 

Das schwache Geschlecht schlägt zu

Prügelnde Frauen und besitzergreifende Mütter: Ein Tabuthema tritt in die Öffentlichkeit - Die neue Männerbewegung fordert "echte" Gleichberechtigung

Von unserem Redaktionsmitglied

Sabine Schwadorf

Trier. Das schwache Geschlecht scheint nicht so schwach zu sein wie gemeinhin angenommen. In der Art und Heftigkeit von Gewaltanwendung stehen Frauen den Männern in nichts nach, wie Untersuchungen ergeben.

Hört man das Wort Emanzipation, denkt man an den erbitterten Kampf der Frauen gegen Benachteiligung in Beruf und Gesellschaft. Das sich auch Männer emanzipieren, ist dagegen ungewöhnlich. Vor einigen Jahren ist eine neue Bewegung des vermeintlich starken Geschlechts auf den Plan getreten. Sie macht Front gegen eine einseitige Auslegung der Emanzipationsbewegung zugunsten der Frau und fordert „echte“ Gleichberechtigung der Geschlechter.

Denn Frauen sind laut Untersuchungen in den USA und in Neuseeland nicht nur Opfer von Gewalttaten, sondern auch Täter. Entmystifizierung des schwachen Geschlechts sowie der Mutterrolle und Enttabuisierung der Gewalt von Frauen – das fordern misshandelte Männer und verletzte Väter.

„Wir wollen nicht die Gewalt von Männern gegen Frauen bagatellisieren“, stellt Helmut Wilde vom Trierer Männerbüro „Talisman“ klar. Gewalt gegen Frauen sei auch weiterhin das größere Problem. Er schätzt jedoch den Anteil der von Frauengewalt betroffenen Männer auf etwa 40 Prozent. Das Thema zu ignorieren sei fatal.

„Frauen wird eine positive Rolle zugeschrieben“

Viele Männer fühlen sich angesichts der psychischen und physischen Aggressionen ihrer Frauen hilflos. Dabei handelt es sich nicht um die Standpauke eines Bratpfannen schwingenden Hausdrachens, sondern um brachiale Gewalt mit harten Schlägen, blutenden Wunden und seelischen Verletzungen.

„Frauen wird Gewalt nicht so schnell zugestanden wie Männern. Gewalt macht aus Jungen Männer“, so Wilde über traditionelle Verhaltensvorstellungen. Doch auch Frauen könnten gewalttätig sein. Sie übten es nur versteckter aus, da ihnen eine positive Rolle zugeschrieben würde.

Die Frauenbewegung, die gegen die Rollenvorstellungen und Verhaltensmuster protestierte, hat im Laufe der Jahrzehnte Änderungen bewirkt, von denen die neue Männerbewegung jetzt profitiert. „Frauen haben sich aus ihrer finanziellen Abhängigkeit von den Männern befreit, Männer müssen sich aus der emotionalen Abhängigkeit der Frau befreien“, steckt Psychologe Wilde das Ziel ab. Für Männer sei es schwerer, über ihre Gefühle zu sprechen. Häufig werde damit assoziiert, schwul zu sein. Dabei besitze jeder Mann auch weibliche Verhaltenselemente. Und die hätten enormen Aufholbedarf.

Mann oder Memme – Wie viel Gefühl darf sein?

Die meisten der männlichen Gewaltopfer sind mehrfach betroffen: Sie sind aus ihrer gewaltlastigen Beziehung geflüchtet und haben gleichzeitig ihre Kinder „verloren“. Denn oft versagt ihnen die Partnerin anschließend den Umgang mit den Kindern.

„Es gibt ein so unglaublich stabiles Mutterbild, eine unantastbare Vision, dass der Zusammenhang Mutter-Kind extrem eng und fast untrennbar ist. Doch viele Mütter benutzen ihre Kinder, um sich am Väter zu rächen. Vielleicht sind aber gerade Väter die besseren Mütter“, sagt Rainer Schnettler vom Verein „Getrennte Väter Trier“. Für ihn ist die Tatsache der Gewaltanwendung von Frauen eine Form des Machterhalts, bei dem die Frage nach der fehlenden Konfliktfähigkeit der Frau längst überschritten ist.

Das Bild von Mann und Frau ist für viele „neue Männer noch zu sehr an Romantik, schönen Bildern und pauschalen Klischees orientiert. Ihnen zufolge steht Gewalt gegen Männer im Widerspruch zur traditionellen Geschlechterrolle. Die Wurzel des Übels ist für Helmut Wilde klar: „Weil Jungen fast ausschließlich von Frauen erzogen werden, ist für sie ‚männlich’ das Gegenteil von ‚weiblich’“. Das bestätigt auch Schnettler: „Ich habe von Frauen gelernt, wie ein Mann sein muss. Echte Männlichkeit dagegen habe ich erst bei ‚Talisman’ kennengelernt“.

Deshalb ist auch für die Verfechter der neuen Männerbewegung um so wichtiger, dass ihre Geschlechtgenossen ihre männlichen und weiblichen Seiten besser kennen und auch akzeptieren lernen. Außerdem fordern sie die Väter auf, einen aktiveren Part in der Erziehung ihrer Kinder zu übernehmen und dies auch beruflich durchzusetzen.

Kommentar

Gewalt gegen Männer

Von wegen schwach

Von Sabine Schwadorf

Dass Frauen das schwächere Geschlecht sind, daran hat wohl niemand ernsthaft glauben können. Auch Frauen schlagen zu – physisch und psychisch. Diese Erscheinung taucht häufiger auf als angenommen, es zu leugnen wäre unverantwortlich. Es jetzt allerdings zu pauschalieren und in die gleiche Schublade zu stecken wie der Vorwurf „Männer sind Schweine“, ist genauso fatal. Denn jeder Gewaltakt hat andere, individuelle Ursachen. Nimmt man sie jedoch zusammen, haben sie nicht selten etwas damit zu tun, wie Frauen von Männern und Männer von Frauen behandelt werden – in der Beziehung, in der Erziehung, im Beruf und in der Gesellschaft. Insofern kann jeder und jede seinen und ihren Beitrag dazu leisten, endlich Klischees über Bord zu werfen.

ERFAHRUNGEN

"Männer sind wie dicke Fliegen"

Eine Beziehung voller Widersprüche und Gewalt - Ein Mann berichtet

TRIER. (sas) Die ersten Zeichen von Gewalt gegen ihn waren schon vier Wochen nach der Hochzeit sichtbar. Erst zehn Jahre später schaffte er den Absprung. Dem TV berichtet er von den Attacken seiner Frau.

Ihnen ging es prima: Beide Akademiker mit gut bezahlten Jobs, drei Kinder, ein schönes Haus und viele Freunde ‑ die Zeiten sind vorbei. Bereits vier Wochen nach der Hochzeit hatte seine Frau den ersten Gewaltausbruch. "Wir waren im Restaurant. Sie wollte nichts essen. Als ich ihr nichts von meinem Essen abgab, machte sie eine hässliche Szene. Ich sei egoistisch. Während der Fahrt zurück wurde sie so aggressiv, dass sie mir bei Tempo 100 eine Tasche ins Gesicht schlug", erinnert er sich noch gut .

Nach der Geburt des ersten Kindes verübelte sie ihm, dass er weiter arbeiten ging. Von da an waren Wutanfälle ein Teil ihrer Ehe. "Sie schimpfte permanent mit mir. Weigerte ich mich, nach den Schimpfkanonaden mir ihr zu schlafen, wurde, sie besonders aggressiv und hat mich geschlagen, gewürgt oder gekratzt."

Nur wenige haben das hautnah mitbekommen. "Wenn sie anfing zu schreien, habe ich die Rollläden runter gelassen und die Fenster geschlossen. Gerade als Mann gibt man sich vor den Nachbarn nicht die Blöße, von seiner Frau geschlagen zu werden. Männer verhalten sich in Partnerschaften so dumm wie dicke Fliegen, die gegen die Fensterscheibe fliegen."

Immer wieder hat er sich nachts eingesperrt, um nicht geprügelt zu werden. Ich fühlte mich schwach und verloren", sagt er. Ein einziges Mal hat er zurückgeschlagen.

"Unsere Kinder

waren ihre Waffe"

"Das habe ich bis heute nicht verarbeitet. Sie kauerte sich auf den Boden und verhielt sich so, als wäre sie stets das Opfer." Immer wieder versuchte er, seine Frau zu einer Ehetherapie zu bewegen. Viermal saßen sie vor Psychologen, doch wenn die Therapeuten bei ihren Aussagen "nachbohrten", kam sie nicht mehr zu den Sitzungen. Dass seine Frau psychisch krank ist, hatte er nur vermutet. Ihre Zorn und Gewaltausbrüche glichen einer Persönlichkeitsstörung. 

"Die Frau, spritzige und attraktive Frau", blickt er zurück. Doch in 14 - tägigem Rhythmus überfielen sie Verfolgungswahn und Eifersuchtsausbrüche. Das Teuflische daran: Es gab zwischendrin Phasen, in denen sie sich normal verhielt. In seiner Verzweiflung holte er sich Rat bei Psychologen und Ärzten.

Es kamen noch zwei Kinder. Sie sagte jeweils: „Jetzt wird alles gut." Doch es wurde schlimmer. Nur die Kinder haben ihn noch zu Hause gehalten. Schließlich hat er aufgegeben. Ohnmacht, Hilflosigkeit und die Suche nach Geborgenheit ließen ihn zu einer neuen Partnerin fliehen. "Ich habe unzählige Briefe von ihr, dass meine Frau mich nicht mehr wollte. Kaum war ich ausgezogen, trat sie zwei Mal die Glastür im Haus meiner neuen Partnerin ein", berichtet er.

Die Kinder durfte er nicht mehr sehen. "Eines Abends hatte ich es nicht mehr ausgehalten: Als ich bei ihr schellte, machte eine meiner Töchter mir die Tür auf und fiel mir in die Arme. Obwohl ich sie auf dem Arm hielt, ging meine Frau auf mich los, schlug mich, trat mich. Ich hatte drei blutende Platzwunden im Gesicht."

Drei Mal war er so ratlos, dass er seine Frau bei der Polizei anzeigte. Doch die Polizisten nahmen ihn nicht ernst: "Das wäre mir nicht passiert. Ich hätte mich gewehrt.“ Der Staatsanwalt hat die Anzeigen wegen mangelnden öffentlichen Interesses fallen gelassen.

Sogar eine Anzeige wegen Kindesmisshandlung hat sie gegen ihn gestellt. "Die Kinder waren ihre Waffe gegen mich. In einer Art Entführungsaktion ist sie mit ihnen weit weg gezogen, obwohl ihr Aufenthalt bei meiner Frau nach einem ersten gerichtlich angeordneten Gutachten die ungünstigste Lösung von allen möglichen wäre." Vor Gericht hat er erstritten, dass er die Kinder regelmässig sehen kann. "Wenn ich nicht die Rechtsanwälte hätte bezahlen können, hätte ich heute keinen Kontakt mehr zu meinen Kindern", ist er überzeugt.

Auch beruflich hat die Trennung an ihm genagt: "Ich bin auf der Verliererstraße. Der Streit um Geld und Kinder verlangen ihrer Tribut." Hoffnung für die Zukunft schöpft er nur daraus, dass ein zweites psychologisches Gutachten über seine Frau erstellt und ein Anwalt für die Kinder bei Gericht zugelassen werden soll.

UNTERSUCHUNG

Gut ein Drittel gewalttätig

TRIER. (sas) Eine Untersuchung der Universität von Wisconsin (USA) in Neuseeland von 1997 unter 861 jungen Erwachsenen ermittelte, dass gut ein Drittel der Frauen, 36 Prozent, und 22 Prozent der Männer physische Gewalt auf ihren Partner oder ihre Partnerin ausgeübt haben: Sie ohrfeigen oder werfen mit Gegenständen. Schwere körperliche Gewalt gaben 19 Prozent der Frauen zu, aber nur sechs Prozent der Männer. Dazu gehört, mit Waffen zu drohen.

Angaben über das Ausmaß von Frauengewalttaten in der Region Trier gibt es nicht. Angezeigte Körperverletzungen werden nur nach dem Geschlecht der Täter unterschieden, Angaben über Opfer fehlen. Im Bereich der Polizeidirektion Trier etwa kamen 1997 und 1998 insgesamt 4485 Körperverletzungen zur Anzeige. 549 wurden von Frauen begangen. Dabei machte jeweils die Altersgruppe der 30 bis 50‑Jährigen mit 318 Taten den Großteil aus.

EXPERTENMEINUNG

TRIER. (sas) In der Forschung wird das Thema "Gewalt an Männern durch Frauen" eher stiefmütterlich behandelt. Nicht, dass die Fachleute es nicht für möglich halten, dass auch dem "schwachen Geschlecht" Worte und Hände ausgleiten; das Phänomen scheint nur nicht so häufig aufzutauchen. Untersuchungen in den USA und Neuseeland beweisen dagegen das Gegenteil. "Gewalt von Frauen gegen Männer ist sogar heftiger und häufiger als die von Männern gegen Frauen", resümiert Leo Montada, Psychologie‑Professor an der Universität Trier die Untersuchungen seiner Kollegen.

Das Anzeigeverhalten biete insofern keinen Aufschluss darüber, was tatsächlich passiere. Montada führt das auf Geschlechterstereotype zurück, die Männerverhalten erklären: „Ein Mann, der angegrif­fen wird, geht nicht zur Polizei. Er schämt sich. Das passt nicht zum Männerbild." Diese Stereotype hält der Professor für "Mythen", die für die Erziehung Vorgaben setzten und sich ihre Fakten schließlich selbst schafften: "Wenn man ein typischer Mann sein will, muss man dem Bild entsprechen", so Montada.

Frauen setzen Gewalt ein, um ihre Interessen durchzusetzen, ihren Selbstwert zu verteidigen, aus Eifersucht, Wut und Neid. "Der Ausbruch der Eskalation stützt sich auf eine Häufung von Kränkungen", weiß Montada. Die Frage der Gerechtigkeit könne deshalb nicht unterschätzt werden. Man könne Gewalt auch als primitive, spontane Form von Duellen bezeichnen. "In der Heftigkeit der Kränkung sind Frauen den Männern nicht unterlegen." Insofern erfordere Gewalt immer einen Anlass. "Es gibt keinen ausgearbeiteten Plan, sondern Gewalt aus Ärger heraus: Er kommt zu spät zur Verabredung, er läuft mit dreckigen Schuhen durchs Haus", nennt Montada Beispiele. Ein Thema, das damit in enger Verbindung steht, ist das der Benachteiligung von Frauen am Arbeitsplatz. Montada hat untersucht, warum Frauen in höherrangigen Berufen unterrepräsentiert sind. Dabei stellte er die Frage, ob Männer es ertragen, dass ihre Partnerinnen sie in ihrer beruflichen Stellung überragen, und im Gegenzug, ob Frauen es ertragen, dass sie ihren Partner in seiner beruflichen Position überragen. Das Ergebnis: Weder Männer noch Frauen lassen sich langfristig auf eine so strukturierte Beziehung ein. „Je höher die Frau beruflich aufsteigt, um so kleiner wird der mögliche Kreis der Partner. Die Angst vor beruflichem Erfolg ist bei Frauen deshalb groß. Das spiegelt sich auf der Männerseite. Sie wollen nicht der „Prinzgemahl“ sein und können es nur schwer ertragen, wenn Frauen erfolgreicher sind", sagt der Psychologe. Ein Beispiel dafür sei auch der geringe Anteil von Vätern im Erziehungsurlaub. "Die kulturelle Norm ist noch zu weit internalisiert. Deshalb sind berufsorientierte Frauen sehr unzufrieden", so Montada. Er hält eine Abkehr von dieser Einstellung nur dann für möglich, wenn sich das Modell "Erfolgreiche Frau ‑ erziehender Vater“ häufe.

Leo Montada ist Professor für Psychologie an der Universität Trier. Seine Schwerpunkte in der Forschung sind die Gerechtigkeitspyschologie, die Konfliktmediation, Soziale Verantwortlichkeit, Umweltengagement und der Umgang mit Verlusterlebnissen.