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mit freundlicher Genehmigung des Autors. 

 

Täter und Opferinnen

Reinhart Stölzel leuchtet einige methodische und rhetorische Winkelzüge des gegenwärtigen öffentlichen Diskurses zum Thema Beziehungsgewalt aus

Neben der Missbrauchsdebatte hat die öffentliche Diskussion um Beziehungsgewalt wie kein anderes Thema der letzten Jahre zu einer hochgradigen Dynamik im Geschlechterdiskurs und gleichzeitig zu dessen Erstarrung geführt. Aktuelle statistische Korrelationen scheinen die Schablonenhaftigkeit der Debatte zu bestätigen und werden ohne Zögern für unumstößlich angesehen. Auf der einen Seite dienen sie der genugtuenden Untermauerung einer ideologisierten Anklage, während am anderen Ende der Gender-Skala eine diffuse Mischung aus Beschämung und Ratlosigkeit, stummer Empörung und Ignoranz herrscht, und angemessene Reaktionen mit der Lupe zu suchen sind. Der Dialog zwischen den Geschlechtern ist in eine Sackgasse geschlittert, die unser emanzipatorisches Erbe der letzten dreißig Jahre in Frage stellt, und deren Auswirkungen noch kaum absehbar sind. Dass Frauen und Männer mehr miteinander verbindet, als sie trennt, gerät dabei zunehmend aus dem Blick.[i]

Wie konnte es dazu kommen? Die Liste der Einflussfaktoren ist lang; sie reicht von gestiegener öffentlicher Aufmerksamkeit für Gewaltopfer, über eine Tendenz zur Desensibilisierung der Medienwelt gegenüber demagogischen Inhalten, den zunehmenden Rückzug des Staates aus öffentlich-rechtlichen Steuerungsaufgaben und deren Übertragung an freie Träger, bis hin zu einer veränderten politischen Gemengelage insbesondere im politischen Milieu der rot-grünen Koalition. Es scheint, als haben sich nicht nur innerhalb dieses Milieus die Kräfteverhältnisse zugunsten der Adepten einfacher Erklärungs- und Handlungsmodelle verschoben. Auch bei der Einholung externen Sachverstands gründen sich Entscheidungsprozesse offenbar zunehmend auf Standpunkte, denen es gerade an ideologischer Unabhängigkeit (einer der grundlegenden Anforderungen an eine Expertise) mangelt.

Parteilich-feministische Arbeitsansätze haben die Beratungszimmer der (weiblichen) Betroffenengruppen längst hinter sich gelassen und dominieren seit einigen Jahren zunehmend auch das diesbezügliche staatliche Handeln, etwa in Form bestimmter Klauseln in Koalitionsverträgen von Landesregierungen oder der öffentlichen Finanzierung parteilicher Intervention auf der Grundlage derartiger Konzepte. Als gäbe es dazu keine Alternative, wird die Republik unter Berufung auf Evaluationsergebnisse des Berliner Modellansatzes und einer “Wissenschaftlichen Begleitung“[ii] mit Interventionsprojekten überzogen, die sich mit dem modernen Etikett einer interdisziplinären, vernetzten Arbeit schmücken, aber genau diesem eindimensionalen Ansatz folgen. Die erklärte Absicht, das Gedankengut dieser heute hervorragend etablierten und staatlich protegierten Lobbygruppen über die regelmäßige Schulung möglichst vieler Multiplikatorinnen kampagnenartig zu verbreiten[iii], wird ausgesprochen erfolgreich umgesetzt. Wie schmalbrüstig und verworren die behauptete Wissenschaftlichkeit daherkommt, erschließt sich erst beim zweiten Hinsehen. Es drängt sich der Gedanke auf, dass es sich bei der bundesweiten wissenschaftlichen Evaluation eher um offensives ideologisches Backstopping zur Aufrechterhaltung der bestehenden Diskurshoheit und zur Vorbeugung von Legitimationsverlusten handelt. Über mittelfristige Auswirkungen auf das psychosoziale Befinden beider Geschlechter kann man nur spekulieren. Fest steht hingegen, dass sich mit hinlänglichem Engagement in dieser Sparte derzeit trefflich Karriere machen lässt[iv].

Inhaltliche Entgrenzung des Gewaltbegriffs

Beziehungsgewalt wird keineswegs einheitlich definiert. Aus bekannt gewordenen Fällen weiß man, dass die Skala möglicher Brutalität nach oben offen ist. Viel definitionssensibler ist jedoch die Schwelle der graduellen Abgrenzung nach unten, hinein in die Grauzone der weniger eindeutigen Phänomene, die sehr viel mehr mit Abhängigkeiten und Demütigungen als mit manifesten körperlichen Übergriffen zu tun haben. Das nicht nachlassende Bemühen von interessierter Seite, diese Schwelle möglichst niedrig anzusetzen, lässt sich in zahllosen konzeptionellen Texten belegen, fördert jedoch gleichzeitig gravierende innere Widersprüche zutage. Wenn es richtig ist, dass häusliche Gewalt nicht erst bei körperlicher Gewalt beginnt, sondern auch Formen psychischer, sozialer und emotionaler Gewalt oder auch die Androhung physischer Gewalt einschließt[v], so wird damit der Begriff qualitativ sehr diffus und Gewaltphänomene noch schwerer quantifizierbar als dies ohnehin bereits der Fall ist. In zahlreichen Broschüren und Dokumenten wird von “häuslicher Gewalt“ geredet, eigentlich aber offenbar nur “körperliche häusliche Gewalt“ gemeint und mit entsprechenden Zahlen unterlegt. Ohne diese Differenzierung verschwimmt jedoch der Unterschied zwischen der eher männlichen Variante von Gewaltausübung (dem körperlichen Übergriff) und den auch von Frauen häufig ausgeübten Formen der Gewalt wie Demütigung, Herabwürdigung, Beleidigung, Drohungen oder auch indirekte physische Gewalt (etwa das viel zitierte Werfen des Aschenbechers), und die Häufigkeit der Täterschaft zwischen den Geschlechtern gleicht sich stark an.

Eindimensionale Geschlechterzuordnung

Die Aussage, häusliche Gewalt werde “fast ausschließlich von Männern gegen Frauen ausgeübt“[vi], ist damit unhaltbar. Nicht umsonst werden die nichtkörperlichen und leichten Formen von Gewalt von vielen Autoren eher der Kategorie der common domestic violence zugeordnet, die von Männern wie Frauen in vergleichbarem Umfang ausgeübt werden.

Betrachtet man die kursierenden Definitionen für häusliche Gewalt unter dem Aspekt der Geschlechtszuordnung, so reichen sie von geschlechtsneutralen Formulierungen bis hin zur Vereinnahmung des Begriffs als Surrogat für Gewalt gegen Frauen[vii]. Auch die häufig anzutreffende Vorgehensweise, ein Phänomen X zu benennen, anschließend zu erklären, die Gruppe Y sei überwiegend betroffen, und fortan ausschließlich über die Gruppe Y zu sprechen, ohne diese Einschränkung als solche kenntlich zu machen und zu begründen, hält wissenschaftlichen Kriterien nicht stand.

Gewissheit über die ideologische Stoßrichtung einschlägiger Konzepte gewinnt man spätestens, wenn man auf das inflationär benutzte neologistische Wortungetüm Männergewalt (oder Die gewalttätigen Männer) stößt. In seiner Oberflächlichkeit und Undifferenziertheit besagt es nicht etwa, dass einzelne Männer gewalttätig werden, sondern impliziert vielmehr, ausgeübte Gewalt sei schlechthin Männersache[viii] und folglich für betroffene (und nicht betroffene) Frauen nur aus der Opferperspektive ein Thema. Selbst wenn sich der derzeitige Erkenntnisstand erhärten sollte, wonach häusliche Gewalt durch Frauen deutlich seltener ausgeübt wird, ist sie in ihrem Ausmaß schon heute weit davon entfernt, vernachlässigbar zu sein.[ix] Überdies variiert diese Einschätzung ihrerseits stark in Abhängigkeit vom Inhalt des Gewaltbegriffs. Das Schlagwort von der Männergewalt ist ebenso denunziatorisch wie es auch der regelrecht hypothetisch anmutende, weil nirgendwo benutzte Begriff Frauengewalt wäre.

Neben anderen Differenzierungen ist es gewiss legitim, geschlechtsspezifische Charakteristika (bis hin zur Verteilung von Gewalttäterschaft zwischen den Geschlechtern) zu untersuchen, festgestellte Korrelationen zu benennen und bestimmte Thesen herauszufiltern. Nur ist das Sorgfaltsgebot im Umgang mit der Selbstachtung Anderer, auf das gerade der feministische Diskurs explizit Anspruch erhebt, ebenso unteilbar wie das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit und ein durch Gewalt unbeeinträchtigtes Leben. Niemandem steht es zu, dieses Recht auf Selbstachtung durch unzulässig verallgemeinernde Wortwahl zu verletzen. Genau dieses Recht (hier: der mehrheitlich nicht gewalttätigen Männer) wird durch die Undifferenziertheit dieses Diskurses verletzt. Die Nichtunterscheidung zwischen statistisch wahrscheinlicher und tatsächlicher individueller Täterschaft scheint daher keine versehentliche Unterlassung zu sein. Sie verkörpert vielmehr die eigentliche Substanz der Verdachtsgeneralisierung, die ihren Niederschlag in den entsprechenden Sprachformeln findet (Männer, Ehemänner, Partner, Täter, Gewalttäter einerseits, Frauen, Kinder und Zeuginnen andererseits, sowie BeamtInnen, Ärzte/Ärztinnen, VertreterInnen, GerichtsvollzieherInnen, Anwälte/Anwältinnen) und ein interessantes Betätigungsfeld für Linguisten bildet. Das legitime Anliegen des großen “Binnen-I“, nämlich die Präsenz von Frauen gerade auch dann grammatisch sichtbar zu machen, wenn sie in der Minderzahl sind, scheint in diesen Konzepten, Ratgebern und Handreichungen eher störend zu wirken und wird hartnäckig ignoriert. Formulierungen wie etwa die erklärte Absicht des Berliner BIG e.V., “die Ächtung männlicher Gewalt voranzutreiben“ [x] sprechen für sich selbst: ein Blick ins Herkunftswörterbuch unter dem Stichwort Ächtung genügt, um die dem Begriff inhärente Bedeutung einer legitimen Selbstjustiz zu bestätigen.

Fehlende Unterstützung durch Männer?

Tun sich Männer mit der Konfrontation mit den von anderen Männern verübten Gewalttaten schwer, so ist schnell von leichtfertiger oder vorsätzlicher Bagatellisierung, oder auch männerbündlerischer Realitätsverleugnung die Rede. Nun gehörte die Anerkennung von Interdependenzen noch nie zu den starken Seiten des Feminismus, geschweige denn seiner ideologisierten Varianten. Dennoch verdeckt der feministische Reflex, inhaltlichem oder methodischem Einspruch eine vorsätzliche Diskreditierung der kritisierten Positionen zu unterstellen, einen entscheidenden psychosozialen Aspekt: im Rampenlicht der gegenwärtig vorliegenden Zahlen, insbesondere aber infolge der einseitigen Zuspitzung der Debatte, sind Frauen in der komfortablen Situation, die Auseinandersetzung in der Regel externalisieren zu können: der anklagende Finger darf in Richtung des anderen, nicht des eigenen Geschlechts zeigen. Identifikationsangebote auf den oberen Rängen der Opferhierarchie werden (auch für nicht selbst betroffene Frauen) geradezu auf dem Silbertablett serviert, ohne dass die eigene Geschlechtszugehörigkeit in Frage gestellt werden muss – eine aus männlicher Sicht beneidenswerte, und zugleich abstoßende Einladung zur Selbstgerechtigkeit. Je stärker die soziale Interaktion auf diese polarisierten Identifikationsangebote ausgerichtet und unter der Fahne des Gender Mainstreaming als Querschnittsaufgabe institutionalisiert wird, umso deutlicher dürfte das gesellschaftspolitisch destruktive Potenzial dieser Polarisierung entlang der Geschlechtergrenzen spürbar werden.

Mythos der Schichtunabhängigkeit

Entgegen der Behauptung, das Phänomen der häuslichen Gewalt betreffe sämtliche soziale Schichten, lässt sich kaum eine Publikation finden, die diesen Nachweis explizit antritt oder über die Verteilung von Gewalt in verschiedenen sozialen Schichten differenzierte Angaben macht. Exemplarische Fälle, von denen mitunter berichtet wird, verstärken vielmehr den Eindruck, dass häusliche Gewalt überwiegend in sozial schwachen Bevölkerungsschichten (oft gemeinsam mit Armut, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus) und in bestimmten Migrantenfamilien auftritt. Diese Erkenntnis ist beinahe so alt wie die Sozialwissenschaften selbst. Sie fristet heute jedoch ein Schattendasein, ließ sich doch auf diesem Wege den bürgerlichen Mittel- und Oberschichten ihre Unverdächtigkeit streitig machen, die letztere unter Verweis auf das alte Sprichwort “Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!“ reklamierten. Wenn diese deutliche Korrelation heutzutage erneut ignoriert oder geleugnet wird, scheint dies aus anderen Gründen zu geschehen: die gegenwärtig starke feministische Beeinflussung des öffentlichen Diskurses, wonach Gewalt männlich, also geschlechtlich determiniert ist, lässt sich schwerer als solche erkennen. Anders formuliert: wer einräumt, dass die Grenze des Phänomens Beziehungsgewalt in weit stärkerem Maße, als dies derzeit geschieht, entlang der seit Jahrzehnten von der Sozialforschung identifizierten sozialen Verwerfungslinien verläuft, müsste die These von der geschlechtlichen Determiniertheit aufgeben. Stattdessen wird mit der undifferenzierten Behauptung, häusliche Gewalt existiere in allen Bevölkerungsschichten, selbige zum flächendeckenden Phänomen erklärt, das eher die Regel als die Ausnahme darstellt. 

Ausblendung der komplexen Dynamik und wechselseitigen Bedingtheit der Gewaltursachen

Auch wenn es für Frauen oft schwierig scheint, sich aus Gewaltbeziehungen zu lösen, und diese Schwierigkeit zudem je nach sozialem Hintergrund und daraus resultierenden materiellen Abhängigkeitsverhältnissen stark schwankt: am Zustandekommen und evtl. Fortbestand der Gewaltbeziehung sind sie als erwachsene Menschen ebenso beteiligt wie ihre Partner. Niemand scheint aber von ihnen zu verlangen, sich im Anschluss an Gewalterfahrungen mit ihrem Anteil an Verantwortung daran auseinanderzusetzen, geschweige denn (wie verurteilte Männer, die gewalttätig waren) soziale Trainingskurse zu besuchen, um diesen Anteil für sich erfahrbar und damit künftig vermeidbar zu machen. Die Unterstützungsangebote für von Gewalt betroffene Frauen beruhen auf deren ausschließlicher Wahrnehmung als Opfer der Gewaltbeziehung, während die Interventionskonzepte für Gewalt ausübende männliche Beziehungspartner ausschließlich repressive, also sanktionierende Antworten vorsehen (“Inverantwortungnahme“). Wenn die frühere Klassifizierung gewalttätiger Auseinandersetzungen im häuslichen Bereich als “Familienstreitigkeit“ eine Verharmlosung des Gewaltaspekts der Streitigkeit darstellte und sich auf die Feststellung beschränkte, dass zwei Beziehungspartner Probleme miteinander haben, zu deren gewaltfreier Lösung sie unfähig sind, so tritt gerade letzterer Aspekt in den heutigen Interventionsansätzen völlig in den Hintergrund. Die komplexen psychischen, sozialen oder anderen Faktoren in der Biografie der Beteiligten, welche zu dem hilflosen einzelnen Versuch einer gewalttätigen Lösung führen, und die nach wie vor in großem Umfang in verschiedensten sozialen Kontexten von Männern wie Frauen in die nächste Generation hinein reproduziert werden, lassen sich mit dem Verweis auf die Notwendigkeit schneller und unbürokratischer Hilfe für Betroffene nicht ohne weiteres konzeptionell “überspringen“. 

Manipulativer Umgang mit Zahlen

Die ehemalige Bundesfamilienministerin Bergmann wird in zahlreichen Publikationen und Pressemeldungen mit ihrer Äußerung im Bundestag vom 08. März 2001 zitiert, wonach “schätzungsweise jede dritte deutsche Frau im Laufe ihres Lebens Opfer von Beziehungsgewalt wird“. In einem Werbespot in der Berliner U-Bahn behauptet BIG im Januar 2004, jede fünfte Frau sei von Beziehungsgewalt betroffen. Ignacio Ramonet, seines Zeichens Chefredakteur der auch auf Deutsch erscheinenden, angesehenen Monatszeitung „Le Monde Diplomatique“ lässt sich in seinem Leitartikel der Juli-Ausgabe 2004 gar zu folgender Aussage hinreißen: „Schauplatz Europa: Je nach Land gelten ein Viertel bis die Hälfte aller Frauen als Opfer von Misshandlungen.“

Hier wird – um nur die jüngsten Beispiele zu nennen - unter Berufung auf dubiose Studien oder Schätzungen ein maßlos überhöhtes Bild des Phänomens gezeichnet und öffentlichkeitswirksam inszeniert. Vage Dunkelziffern treten an die Stelle der rechtstatsächlichen Größenordnung und gaukeln der Öffentlichkeit den Eindruck sachlicher Information vor[xi]

Frauenhausmitarbeiterinnen berichten, dass „einige Frauen fünf- bis sechsmal kommen, bevor sie die Trennung schaffen“[xii]. Niemand scheint sich indessen zu fragen, wieviele davon zu jenem Drehtüreffekt beitragen, der stets verschwiegen wird, wenn von den so oft zitierten deutschlandweit „jährlich 45.000“ die Rede ist.

Political correctness versus Populismus?

Die statistisch belegbare Häufung bestimmter Phänomene birgt stets das Risiko, damit unliebsame Stereotype zu benennen, über die sich viele Menschen schon immer mal Luft machen wollten, und die oft genug als Rechtfertigung für Ausgrenzung und Rassismus herhalten mussten (etwa dass Ostdeutsche fremdenfeindlich sind, weil sie Asylantenheime anzünden, dass Polen kriminell sind, weil sie unsere Autos klauen, dass Türken nicht in unsere Gesellschaft passen, weil sie ihre Frauen einsperren, usw.). Bei der Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit oder im Zusammenhang mit dem Diskriminierungsschutz von Minderheiten (und seien sie noch so klein) wurde daher selbst bei klaren statistischen Korrelationen immer wieder mit Bedacht vor Pauschalisierungen gewarnt. Der Generalverdacht gegenüber Männern als Täter häuslicher Gewalt zeigt sich von derartiger Zurückhaltung eher unbeeindruckt. Es wird deutlich, wie labil der Begriff der politischen Korrektheit hierzulande ist – falls er sich diesseits des Atlantik überhaupt je auf mehr als Halbherzigkeiten oder willkürliche Polarisierungen bezogen hat. 

Parteilichkeit als Kinderkrankheit?

Aus zivilisationskritischer Sicht ist es zweifellos eine niederschmetternde Feststellung, dass in unserer hoch entwickelten und differenzierten Gesellschaft mit ihren nie zuvor gekannten Möglichkeiten individueller Lebensgestaltung die Frage der Gewalt in Beziehungen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert überhaupt ein Thema ist. Gerade das vergangene 20. Jahrhundert sollte uns jedoch auch gelehrt haben, dass eine forcierte Institutionalisierung parteilicher Interessenpolitik, die sich auf selektive Teilwahrheiten beruft, weder zu mehr Gerechtigkeit, noch zu weniger Gewalt geführt hat. Der Hinweis, jede soziale Bewegung sei zunächst einäugig, weshalb auch der Frauenbewegung vorgeworfen werden könne, sie habe zeitweilig nur die Gewalt wahrgenommen, bei der Frauen Opfer sind, bemüht nicht nur ungerechtfertigter Weise die grammatische Vergangenheitsform; sie erinnert vor allem fatal an andere inhaltliche und historische Kontexte. Zu nennen wäre hier etwa die Wahrnehmung der Lebensrealitäten in der DDR durch die westdeutsche Linke (eine vergleichsweise folgenarme Verirrung) oder Lenins Kampfschrift über den “linken Radikalismus als Kinderkrankheit im Kommunismus“ aus dem Jahr 1920 (dass die darauf folgenden Jahre und Jahrzehnte sowjetrussischer Geschichte das Land vorangebracht oder ihm ein friedliches Zusammenleben beschert hätten, wird niemand ernsthaft behaupten wollen.) Nach Jahrzehnten gegenseitiger ideologischer Verteufelung waren die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts im Kielwasser der Implosion des Ost-West-Konflikts von einer zivilisatorisch ermutigenden Fähigkeit zum Abbau von Feindbildern geprägt. Die im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends besonders von neokonservativen Kreisen betriebene Schürung neuer internationaler Freund/Feind-Schemen (zivilisierte westliche Welt/arabischer Terrorismus, Christentum/Islam, Demokratien/Schurkenstaaten, etc.) wird nicht zuletzt in friedens- und frauenbewegten politischen Kreisen als beunruhigende Tendenz empfunden. Dass sich nun parallel dazu mitten in Europa im Namen des Kampfs für Geschlechtergerechtigkeit ein innenpolitischer Diskurs zu verfestigen scheint, der eine ideologische Polarisierung in gewalttätige Männer und hilfebedürftige Frauen institutionalisiert, wirkt alles andere als zukunftsweisend. Denn was zu den Binsenweisheiten jeder Mediation in Paarkonflikten gehört, gilt auch im gesellschaftlichen Maßstab: Männer wie Frauen tun gut daran, alles zu unterlassen, was das soziale Selbstwertgefühl des jeweils anderen Geschlechts willkürlich herabwürdigt – sei es durch Aberkennung der Fähigkeit zur selbständigen Interessenwahrung oder durch Zuweisung des Charakteristikums der Gewalttäterschaft. Ein von diesem Gedanken geleitetes Kriterium der Diskriminierungsfreiheit gehört dringend in eine Evaluierung von Interventionsansätzen, die diesen Namen verdient.

Elisabeth Badinter warnt in ihrem jüngsten Buch eindringlich vor einer Dekonstruktion von Männlichkeit, die sich auf einen sexuellen Relativismus, eine moralische Hierarchie der Geschlechter stützt. Denn “das ist die Falle, die es zu vermeiden gilt, es sei denn, wir wollten dabei unsere Freiheit verlieren, den Fortschritt auf dem Weg in Richtung Gleichheit bremsen und einem neuen Separatismus frönen. Genau dieser Versuchung erliegt der dominierende Diskurs, der sich seit zehn oder fünfzehn Jahren vernehmen lässt. Ganz im Gegensatz zu dessen eigenen Hoffnungen ist es wenig wahrscheinlich, dass er die Situation der Frauen voranbringt. Zu befürchten steht eher, dass deren Beziehungen zu den Männern Schaden nehmen. Dies ist, was man gemeinhin “sich des Weges irren“ nennt“ (und was der französischen Originalausgabe ihren sehr viel treffenderen Titel gab).

Anmerkungen:

[i] Vor dieser Entwicklung warnt Elisabeth Badinter in ihrem neuen, nun auch auf deutsch erschienenen Buch “Die Wiederentdeckung der Gleichheit“. Zu den zentralen Thesen dieses Buchs gehört vor allem diejenige vom “féminisme victimiste“. Die Autorin beklagt, dass “Viktimisierung heute zu einem politischen und ideologischen Werkzeug geworden ist“ (siehe Interview in der französischen Zeitschrift L’Arche, N° 549-550, Novembre-décembre 2003) und unter Berufung auf diese Viktimisierung neuartige, teils reaktionäre Allianzen entstanden sind: “Was ich beklage, ist gerade das Umschwenken der einst befreienden, lustvollen und körperfreundlichen Frauenbewegung auf einen Feminismus der Moral und der Prüderie, der den weiblichen Körper wieder sakralisiert wie zu Zeiten des Korsetts und der zahllosen Unterröcke“ (siehe Interview mit Joseph Hanimann “Die Kämperinnen sind müde“ in der Ausgabe 13/04 der Weltwoche).

[ii] Siehe Homepage www.wibig.uni-osnabrueck.de

[iii] Im französischen Sprachraum wird für den Prozess der Verbreitung eines bestimmten Gedankenguts in möglichst breiten Bevölkerungsschichten mit eher geringer Vorbildung häufig der Begriff “campagne de vulgarisation“ benutzt - und dies keineswegs in abwertendem Sinn. Gleichwohl lässt sich die Verwandtschaft mit dem Adjektiv “vulgaire“ (dt.: gewöhnlich, einfach, banal, volkstümlich, alltäglich, landläufig, gängig, allgemein üblich) nicht übersehen, sodass die Adressaten eher auf populärwissenschaftliche Formate als auf intellektuelle Spitzenleistungen gefasst sein dürfen.

[iv] Eine ehemalige Mitarbeiterin der BIG Interventionszentrale Berlin ist seit 2001 Referentin im Niedersächsischen Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales, eine weitere ehemalige Mitarbeiterin promovierte im Jahr 2000 und leitet seit 2002 das Referat Schutz von Frauen vor Gewalt im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Beim Studium von Literaturlisten und Querverweisen erweist sich die Gemeinde als recht überschaubar: eine Hand voll Akteurinnen aus der frauenbewegten Nach-68er-Generation, die mittlerweile einflussreiche Positionen in Ministerien, Universitäten, Berufsverbänden und Medien innehaben, monopolisieren weitgehend die fachöffentliche, oft auch die öffentliche Debatte und forcieren in einem veritablen Vortrags- und Schulungstourismus die missionarische Verbreitung ihrer streitbaren Argumentationsvorlagen. Insbesondere im akademischen Nachwuchsmilieu lässt sich zudem das Phänomen des “project-hopping“ unschwer belegen. Manches, was hier als eng vernetzte und fachübergreifende multiplikatorische Arbeit gepriesen wird, ordnet man in anderen politischen Zusammenhängen umstandslos der Kategorie Seilschaften zu.

[v] Siehe Homepage www.big-interventionszentrale.de und www.big-hotline.de

[vi]  Informationsbroschüre “Ihr Recht bei häuslicher Gewalt“, 3. aktualisierte Ausgabe 2002 des BIG e.V. Berlin

[vii] Folgerichtig werden etwa in der BIG-Informationsbroschüre “Ihr Recht bei häuslicher Gewalt“ von vornherein nur Frauen (und Kinder) als betroffene und schützenswerte Zielgruppe angesprochen, was der überraschte Leser zudem eher zufällig entdeckt, nachdem er bereits mehrere Abschnitte gelesen hat.

[viii] Elisabeth Badinter konstatiert hier eine “gravierende Begriffsverwirrung, die den pathologischen Fall von männlicher Gewalttätigkeit zum Normalfall erklärt und der Gewalt überhaupt ein bestimmtes Geschlecht zuweist: das männliche. Mein neues Buch ist aus der wachsenden Ungehaltenheit über diese Begriffsverwirrung entstanden. Feminismus gerät so zur puren Ideologie.“ (siehe Interview in der Weltwoche)

[ix] Laut “Bericht über die Kriminalität in Berlin 2002“ trägt die Konstellation “Täter weiblich, Opfer männlich“ mit 12,7% zum Gesamtaufkommen von 5.776 registrierten Fällen bei. Dies entspricht gegenüber 2001 einem Anstieg um 6,0%, also einer klaren Verdoppelung. Selbst wenn diese Zahl aufgrund stark steigender Anzeigebereitschaft nicht signifikant ist, und man insgesamt weiter von einer hohen Dunkelziffer ausgehen muss, so beziffert sie dennoch eine Größenordnung, die sich nicht ohne weiteres vernachlässigen lässt. Rätselhaft bleibt, warum die Pressestelle der Senatsinnenverwaltung für das Jahr 2003 nur noch die Gesamtzahl von 10.371 Fällen häuslicher Gewalt publiziert und auf die Unterscheidung des Geschlechts von Tätern und Opfern verzichtet. Dies ist umso erstaunlicher, als man auch in der Politik nicht müde wird, die Wichtigkeit dieser Unterscheidung bei jeder Gelegenheit zu unterstreichen. 

[x] Siehe Homepage  www.big-hotline.de

[xi] Hierzu finden sich bereits umfangreiche Ausführungen in “Emma und ihre Schwestern“ von Katharina Rutschky.

[xii] Siehe hierzu den Artikel „Ich will mich nicht länger schämen“ von Waltraud Schwab in der taz vom 24.08.2004

Erschienen in der Zeitschrift:

Stölzel, Reinhart (2005): Täter und Opferinnen. - Zu den Winkelzügen des gegenwärtigen Diskurses über Beziehungsgewalt. Theorie und Praxis der sozialen Arbeit, Nr. 2.