Großbritannien

Immer mehr Frauen missbrauchen Kinder

DER STANDARD - Gudrun Springer, Printausgabe, 5.10.2009

 

 

Polizei beobachtet eine zunehmende Zahl an von Frauen begangenen Missbrauchsfällen - Jeder fünfte Sexualtäter im Königreich soll weiblich sein - Die Dunkelziffer ist hoch

 

Die Briten sind geschockt: In einem Gerichtsprozess hat eine britische Kindergärtnerin vergangenen Donnerstag zugegeben, mehrere Kinder sexuell missbraucht zu haben. Die dadurch in der Öffentlichkeit angeheizte Debatte um Kindesmissbrauch durch Frauen erhält nun neue Nahrung: So wollen Scotland-Yard-Mitarbeiter beobachtet haben, dass der Anteil an weiblichen Sexualtätern zunimmt - wie der Observer am Sonntag berichtete.

 

Forscher der Lucy Faithful Foundation (LFF), einer Kinderschutzorganisation, die sich mit Sexualtäterinnen auseinandersetzt, schätzen dem Bericht nach, dass bis zu 64.000 Frauen im Vereinigten Königreich Kinder sexuell missbrauchen. Rund jeder fünfte der in etwa 320.000 Pädophilen in Großbritannien sei demnach eine Frau.

 

Donnerstag vergangener Woche war eine Kindergärtnerin vor einem britischen Gericht gestanden, die zugegeben hat, in einer städtischen Betreuungseinrichtung in Plymouth mehrere Kinder sexuell missbraucht zu haben. Die 29-Jährige soll laut Polizei Aufnahmen von den Missbrauchshandlungen mit einem Mann und einer Frau ausgetauscht haben. Die beiden soll sie über das Online-Netzwerk Facebook kennengelernt haben. Nach Expertenmeinung treibt das Internet die Zahl der Kindesmissbrauchsfälle in die Höhe. Alle drei Angeklagten, die einander erstmals vor Gericht persönlich begegneten, bekannten sich schuldig. Das Strafmaß soll am 13. November verkündet werden.

 

Steve Lowe, Leiter der gerichtlichen Beratungsstelle Phoenix, die wegen Kindesmissbrauchs verurteilte Täter behandelt, sagte dem Observer, die Anzahl an weiblichen Pädophilen sei zu lange versteckt worden: "Für eine Gesellschaft ist es schwierig, Frauen als Sexualtäter anzuerkennen. Aber jene von uns, die mit Pädophilen arbeiten, haben Belege dafür gesehen, dass Frauen dazu fähig sind, furchtbare Verbrechen an Kindern zu begehen - so schlimme wie Männer."

 

Offizielle Zahlen ganz anders

 

Die jüngsten offiziellen Zahlen, die vor sechs Monaten veröffentlicht worden waren, zeigten, dass 56 des Kindesmissbrauchs bezichtigte Frauen in Haft waren, 49 davon verurteilt, sieben in Untersuchungshaft. Im Pädophilenregister waren nur zwei Prozent der aufgelisteten Personen Frauen.

 

Vertreter des Child Exploitation and Online Protection Centres sagten, dass die große Dunkelziffer an Sexualtäterinnen Grund zur Beunruhigung gäben. Sie warnten zudem davor, dass der in Plymouth verübte Missbrauchsfall Nachahmungstäterinnen finden könnte.

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Sexuelle Gewalt gegen Männer

William H. Masters hat bereits 1982 nachgewiesen, das Männer "gegen ihren Willen sexuell erregt werden können".

Bis 1997 konnte in Deutschland juristisch gesehen kein Mann vergewaltigt werden. Dies hat sich mit der Neufassung des Gesetzes geändert.

 

Dieses Gesetz gilt geschlechtsneutral für Männer und Frauen, obwohl im Gesetzestext die sonst übliche Unterscheidung nach dem Geschlecht in der Schreibweise nicht berücksichtigt wurde.

 

Auszug aus dem STGB:

Strafgesetzbuch (Quelle: http://dejure.org/gesetze/StGB/177.html)

§ 177
Sexuelle Nötigung; Vergewaltigung

(1) Wer eine andere Person

  1. mit Gewalt,
  2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder
  3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist,

nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.

(2) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn

  1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung), oder
  2. die Tat von mehreren gemeinschaftlich begangen wird.

(3) Auf Freiheitsstrafe nicht unter drei Jahren ist zu erkennen, wenn der Täter

  1. eine Waffe oder ein anderes gefährliches Werkzeug bei sich führt,
  2. sonst ein Werkzeug oder Mittel bei sich führt, um den Widerstand einer anderen Person durch Gewalt oder Drohung mit Gewalt zu verhindern oder zu überwinden, oder
  3. das Opfer durch die Tat in die Gefahr einer schweren Gesundheitsschädigung bringt.

(4) Auf Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren ist zu erkennen, wenn der Täter

  1. bei der Tat eine Waffe oder ein anderes gefährliches Werkzeug verwendet oder
  2. das Opfer
    a) bei der Tat körperlich schwer misshandelt oder
    b) durch die Tat in die Gefahr des Todes bringt.

(5) In minder schweren Fällen des Absatzes 1 ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren, in minder schweren Fällen der Absätze 3 und 4 auf Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren zu erkennen.

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Sexuelle Gewalt gegen Männer,

die als Junge sexuell missbraucht wurden

Vom Thema der sexuellen Gewalt gegen Männer, wird jene Gewaltform unterschieden, in denen Männer als Jungen sexuelle Gewalt erfahren haben. Für diese Form der Gewalt existiert in fast jeder größeren Stadt eine Selbsthilfegruppe.

Häufigkeiten des sexuellen Missbrauchs

 

Studien aus mehreren westlichen Kulturnationen belegen vergleichbare Zahlen:

Ca. 20 % der Mädchen, ca. 8 % der Jungen sind vor ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal leichteren Formen (* hands off) sexueller Übergriffe ausgesetzt gewesen, die strafbare Handlungen waren; 

Ca. 1,5 % der Mädchen, ca. 0,7 % der Jungen sind wiederholt (* hands on) im Nahbereich ihrer Familien Opfer sexualisierter Übergriffe mit Gewaltanwendung und Überschreitung ihrer Körpergrenzen ausgesetzt gewesen.

Prof. Dr. med. Ulrich Sachsse

      NLKH Göttingen, Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie

     

* Anmerkungen des Männerbüros

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Sexuelle Gewalt gegen Kinder

Dissertation Universität Augsburg

Hilke Gerber verfolgte mit ihrer Dissertation, in der sie einen Schwerpunkt auf Frauen als Täterinnen legte, mehrere Ziele:

 

- Das Thema bekannter zu machen, um so mehr Sensibilität hervorzurufen

- "Rückendeckung" für die betroffenen Kinder und Jugendlichen

- Wissen um die Situation der betroffenen Frauen

- Prävention und Anlaufstellen auch für sie

 

Diese Dissertation ist bereits abgeschlossen und als Buch veröffentlicht:

 

Gerber, Hilke (2004): Frauen die Kinder sexuell missbrauchen. -Eine explorative Studie. Pro Business Verlag, Berlin, ISBN 3-938262-02-8.

 

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Sexuelle Gewalt gegen Kinder

"Bei sexuellem Missbrauch wurde bislang der Anteil weiblicher Täter vor allem in der öffentlichen Diskussion weit unterschätzt, obwohl im akademischen Bereich bereits einige aufschlussreiche Ergebnisse dazu vorliegen. Die sexistisch-ideologische Sicht von Missbrauch als einem Verbrechen, das von Männern an Mädchen verübt wird, lässt sich nicht aufrechterhalten. Stattdessen ist eine neue Perspektive nötig: weg von einem simplen Täter-Opfer-Schema des männlichen Geschlechts gegen das weibliche, hin zu einem System, wo über die Geschlechtergrenzen hinweg Opfer zu Tätern werden. So weist Homes mit Nachdruck darauf hin, dass unterschiedlichen Studien zufolge Vergewaltiger in ihrer Kindheit zu einem hohen Ausmaß sexuelle Gewalt insbesondere durch ihre Mütter und andere Frauen durchleiden mussten. Die These vom Vergewaltiger als Guerillakrieger des Patriarchats war schon immer intellektuell armselig, aber nach dem inzwischen vorliegenden Wissensstand verläuft sie sogar entgegengesetzt zu den tatsächlichen Verhältnissen."

Literatur:

Homes, Alexander Markus (2004): Von der Mutter missbraucht. Books on Demand BoD. ISBN 3-8334-1477-4.

Die Bestellungen ist bei www.libri.de möglich.

Rezension: download

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Sexuelle und emotionale Gewalt

sind häufig nicht voneinander zu unterscheiden

 

Claudia Heyne betrachtet den "sexuellen Missbrauch" als Sonderform "narzisstischen Missbrauchs". Sie veröffentlichte im Pro-Familia Magazin einen Artikel zur sexuellen Gewalt an Kindern durch Frauen.

 

Literatur:

 

Heyne, Claudia (1995): Frauen als Täterinnen. In: Pro Familia Magazin - Sexualpädagogik und Familienplanung, S. 5-6, Heft 3/ 95: Täterinnen und Therapie, 23 Jahrgang, ISSN 0175-2960.

 

download des Artikels von Claudia Heyne

 

 

 

Weitere Literatur:

Berendzen, Richard & Palmer, Laura (1994): Sie rief mich immer zu sich. - Die Geschichte eines missbrauchten Sohnes. Knaur TB 75069.

Elliott, Michele (1995) (Hrsg.): Frauen als Täterinnen. Sexueller Missbrauch an Jungen und Mädchen. Ruhnmark.

Kloos, B.H. (1996): Die haben es immer wieder geschafft, denen einzuimpfen, verführt gewesen zu sein. - Sexuelle Ausbeutung männlicher Opfer durch Täterinnen. Systhema; 10 (1), 23-27.

Schlingmann, Thomas (2003): Männlichkeit und sexualisierte Gewalt gegen Jungen. Switchboard. Zeitschrift für Jungen- und Männerarbeit Nr. 157, April / Mai + Juni /Juli, S. 14-17, Teil I + II.

 

Wayne Kritsberg (2000): Die unsichtbare Wunde. Lübbe. ISBN: 340 466 37 48. Rezension: download